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THE JOY OF RUNNING

 

   Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe des US-Klassikers

   Kostrubala, Thadeus, Ora Press, Santa Fe, 2013
 
  ISBN 978-0-9893360-0-0, 190 S., kart., 13,90 Euro

   Rezension von Wolfgang W. Schüler

 

 

 

Laut Wikipedia erscheinen jedes Jahr weltweit über 2 Millionen neue Buchtitel und -editionen. Allein in den USA liegt deren Zahl bei über 300.000. Die meisten sind zum sofortigen geistigen Verzehr bestimmt; als haltbar bzw. nachhaltig erweisen sie sich nicht. Anders jene Bücher, die grundlegend Neues zur Sprache bringen und Perspektiven über den Tag hinaus eröffnen. Wer wie sie die Prüfung durch die Zeit besteht, geht als Klassiker in die Literaturgeschichte ein. Eines der auf sie zutreffenden Merkmale: ihr Nachdruck viele Jahre später.

Zum Themenbereich von Laufen und Gesundheit fallen mir spontan zwei Werke ein, die neu aufgelegt wurden: Zum einen das von Michael L. Sachs & Gary W. Buffone 1984 herausgegebene Running as Therapy. An Integrated Approach, das 1997 eine Neuausgabe erfuhr. Zum anderen George A. Sheehans Running and Being. The Total Experience, das 1998 als „20th Anniversary Edition“ der 1978er Erstauflage erschien. Jetzt, 37 (!) Jahre nach dem Erstdruck in 1976, kommt The Joy of Running von Thaddeus L. Kostrubala, einem US-amerikanischen Psychiater und Marathonläufer hinzu.

Zum Autor:

  • Wegbereiter der US-Lauftherapie
  • Erster (Vollzeit-) Lauftherapeut mit regelmäßigen Einzel- und Gruppenlaufangeboten
  • Autor des ersten US-Lauftherapiebuches (1976)
  • Erster Ausbilder von Lauftherapeuten (Mediziner, Psychologen, Berater)
  • Gründer des ersten Lauftherapie-Instituts  („International Association of Running Therapists“)

Mit dieser Neuausgabe hat der Verleger Dominic Bosco einen Schatz gehoben. Dabei hatte das Buch seine Erstausgabe mehr oder weniger einem Zufall zu verdanken gehabt. An einer Veröffentlichung war nur ein Verlag interessiert gewesen. Dass das Buch wie eine „Bombe“ einschlug, überraschte Verlag wie Autor. Der gebundenen Ausgabe folgten rasch mehrere Paperback-Auflagen. Etwa 10 Jahre blieb The Joy of Running auf der Lieferliste des Verlages. Über die USA hinaus wurde das Buch in Mexiko, Italien, Japan, Australien und Neuseeland aufgelegt. Es fand schätzungsweise 1 Million Leser.

Was war und ist das Besondere an The Joy of Running? Zum einen die dargelegte persönliche Geschichte des Autors, dessen beruflicher und materieller Glanz angesichts seiner zunehmend schlechter gewordenen körperlichen und seelischen Verfassung matt wurde. „Ich war ein erfolgreicher Arzt und Psychiater. Einige nannten mich sogar charismatisch und brillant. Doch irgendwie war ich ein Versager, und ich wusste es. Ich fühlte, dass es kein Abweichen von dem Weg gab, auf dem ich ging. Alkohol war zu meinem bevorzugten Medikament geworden. Ich war angespannt. Ich war fett. Und ich wusste in den seltenen Augenblicken der Selbsterkenntnis, dass ich den Kontakt zu den Dingen verloren hatte, die meine Seele erneuern konnten.“ Als sein Gewicht auf 104 kg bei einer Größe von 1,80 m geklettert war und sich hohe Cholesterin- und Blutdruckwerte eingestellt hatten, wurde ihm klar: „Ich war auf dem besten Wege zum Herzinfarkt.“

Auf beeindruckende Weise schildert Dr. Kostrubala, wie er sich durch Laufen rettete und fit machte, körperlich wie geistig. Und wie er eines Tages mit seinen psychiatrischen Patienten zu laufen begann. Was ihm Spott und Hohn von Kollegen und der Fachöffentlichkeit einbrachte. Ein Therapeut, der gemeinsam mit seinen Patienten joggte und schwitzte und derlei Tun als ernst zu nehmende Behandlung bei psychischen Erkrankungen deklarierte, wurde vom Establishment nicht nur nicht ernst genommen, sein Tun verstieß gegen allgemein gültige Freud’sche und Jung’sche Prinzipien und Praktiken. Doch ließ sich Kostrubala angesichts der erzielten Ergebnisse nicht vom Weitermachen abhalten. Balsam für seine angegriffene Seele waren die Worte von Dr. med. Jack H. Scaff, Direktor der „Honolulu Medical Group“ und Präsident der „Honolulu Marathon Association“. The Joy of Running sei „ein helles Licht am Ende eines langen Tunnels der Ignoranz gegenüber den Wirkungen des langsamen Ausdauerlaufens auf den Geist und den Körper des Menschen.“ Bücher wie dieses seien lange überfällig.

Das, was Thaddeus Kostrubala über die allgemeinen und speziellen psychischen Effekte ausdauernden Laufens, insbesondere auf Erkrankungen erkannt und niedergeschrieben hatte, fand im Zuge späterer Forschung allmählich Anerkennung. Fortan wurde er in der US-Öffentlichkeit schlicht „der Laufdoktor“ oder „der Laufpsychiater“ genannt. Das „New York Magazine“ bezeichnete ihn gar als „ein Hoher Priester des Langstreckenlaufs“. Wie nachhaltig ihm sein erster Marathonlauf, den er ebenfalls beschreibt, war, zeigt sich an verschiedenen Stellen von The Joy of Running; immer wieder ergeht sein Aufruf: "Plane einen Marathon zu laufen!" Pragmatisch betrachtet seien die 42 km "ein definitiver Endpunkt", "eine klar abgemessene Distanz". "Es gibt wenig daran herumzudrehen - ein Marathon sind 26 Meilen und 385 yards". Doch ein Marathon sei auch „dieser schwer fassbare, erhofft-perfekte Tag, an dem alle Faktoren des Trainings, der Ernährung [und und und] ineinandergreifen [müssen], um diese Kombination zu ergeben, die einem erlaubt, einen persönlichen Rekord zu laufen, ohne Schmerzen, und ein leichtes Lächeln auf der Ziellinie zu haben. Es ist, als ob der Läufer in Einklang mit dem Rennen selbst kommen muss, um diese Harmonie zu erlangen".

Es verwundert nicht, dass Kostrubala im durchstandenen Marathonlauf "ein bedeutsames therapeutisches Ereignis" sieht und auch Marathons mit seinen Patienten lief. 1975 startete er sogar ein Laufprogramm an einer Schule in San Diego, das 23 Kinder im Ziel eines 20-km-Laufes und 6 Kinder im Ziel eines Marathonlaufes zählte. Sein Fazit: "Beinahe jedem normal-gesundem Kind kann geholfen […] werden, einen Marathon zu laufen".

Das Laufen sollte vor allem eines sein - Prophylaxe. "Dieses fundamentale gesundheitsfördernde Werkzeug in die Hände praktisch jeden Kindes zu geben, mag uns helfen, unseren Nummer 1-Killer [gemeint Herzinfarkt] zu eliminieren. Zusätzlich mag es auch jedem Einzelnen helfen, neue Türen zu seiner eigenen Seele zu öffnen". "Ich wundere mich, wie viele Männer und Frauen unnötigerweise sterben, nur weil sie nicht wissen, dass sie etwas tun können, um sich zu schützen". Und denen, die sich bereits - aber vielleicht allzu leistungsverstiegen - auf den läuferischen Weg gemacht hatten, gab er den Rat: "Finde deinen Stolz in deinem persönlichen Wachstum, nicht im Vergleich, in der Freude am Laufen".

Für uns Lauftherapeuten ist das Buch insofern noch einmal von großer Bedeutung, als sich der Autor bereits 1976 Gedanken um die Sinnhaftigkeit der Ausbildung von Lauftherapeuten gemacht und dazu erste inhaltliche Überlegungen angestellt hatte (Neuausgabe, S. 145 f). Zu den von ihm in den Folgejahren ausgebildeten Lauftherapeuten gehörten Mediziner, Psychologen und Berater, unter ihnen Dr. W. Mark Shipman, späterer Direktor des Instituts für Entwicklungsforschung am San Diego Kinderzentrum und Klinikprofessor für Psychiatrie an der University of California Medical School in San Diego. 

Die im Mai 2013 erschienene und überarbeitete Neuausgabe des US-Lauf-Klassikers The Joy of Running, wurde von Dr. Kostrubala, mittlerweile 82 Jahre alt, um ein Nachwort zum Anschlag auf den Boston-Marathon erweitert.

Zum Inhalt:

Welcome to the book that started it all!
Foreword to the new edition
Author’s note
Acknowledgments
Preface to the new edition

  1. The heart
  2. Genus homo
  3. The first steps: Ablutio
  4. How to do it
  5. Metabolic factors
  6. Psychological effects
  7. Theory
  8. Running and therapy
  9. Marathon

Afterword: Remember Boston

Auch wenn das Buch in Englisch geschrieben ist – der Autor macht es dem Leser nicht schwer. Faszinierend sind nach wie vor die Einblicke und Erkenntnisse, die er bietet und die bis heute kaum etwas an Aktualität verloren haben. Das Buch wird über „Amazon“ vertrieben und von der „Amazon Distribution GmbH, Leipzig“ in Deutschland gedruckt und ausgeliefert. The Joy of Running sollte in keiner Laufbibliothek fehlen! Für Ende 2013 ist der Fortsetzungsband The Joy of Running 2 angekündigt, der die Jahre 1976 bis heute umfasst.

http://www.amazon.de/The-Joy-Running-Thaddeus-Kostrubala/dp/098933600X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1368143121&sr=8-1&keywords=joy+of+running

 

 

 

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