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THE JOY OF RUNNING 2

 

 Kostrubala, Thaddeus & Kostrubala, Teresa 

 Ora Press, St. Nicholas Productions, LLC, Santa Fe, New Mexico 2013
 ISBN 978-0-9893360-1-7, 212 S., kart., 13,24 Euro

 Rezension von Wolfgang W. Schüler

 

 

 

37 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist der US-Klassiker „The Joy of Running“ nicht nur neu aufgelegt worden, ihm folgte vor Jahresende 2013 auch der Fortsetzungsband „The Joy of Running 2“ – Untertitel „Paleoanalysis & Running Therapy“. In ihm legt Dr. Thaddeus Kostrubala – Anthropologe, Mediziner, Psychiater, erster Lauftherapeut und ehemaliger Marathonläufer – dar, womit er sich bis heute fachlich auseinandergesetzt hat. Entstanden ist ein Zusammentrag seiner lauftherapeutischen Erkenntnisse, die er in einen evolutionär-anthropologischen Kontext stellt, aus dem heraus er sein ganzheitliches Therapiekonzept, genannt Paleoanalyse, begründet. Bereits im Werk von 1976 fanden sich hierzu erste Skizzierungen; „The Joy of Running 2“ geht nun in die ausführliche Darstellung.

Warum Dr. Kostrubala all das erst heute im hohen Alter von 83 Jahren publiziert, beantwortete er dem US-Magazin „Running Times“ so: „Der Grund, warum ich es jetzt tue, ist, weil ich [in den letzten Jahren] so viele Emails von Leuten bekommen habe, die so positiv waren, dass ich ziemlich erstaunt war.“ Und so nahm er, unterstützt von seiner Ehefrau, der Psychologin und ehemaligen Marathonläuferin Dr. Teresa Kostrubala, den Schreibfaden wieder auf und gewährt tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt und psychotherapeutisch-paleoanalytische Praxis. Letzte übt er noch heute, stundenweise, aus. Daneben gibt er Personen, die sich ihm auf besondere Weise empfohlen haben, den letzten Schliff zu zertifizierten Lauftherapeuten (IART) und Paleoanalytikern (PI).

Wie schon das Erstlingswerk, so ist auch „The Joy of Running 2“ ein sehr persönliches Buch, dessen fachliche Erwägungen eng mit der Lebensgeschichte des Autors verwoben sind und die es an jenen Stellen sehr berührend macht. Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert.

Im ersten Abschnitt erläutert der Autor, warum der Homo Sapiens Sapiens überlebte und der Neandertaler ausstarb und welche Zusammenhänge zwischen der Entwicklung seiner Fortbewegung und der seines Gehirns bestanden: „Wir liefen, wir schufen neue Neuronen – unser Gehirn wuchs“ (S. 27). Evolutionär auf körpereigene Mobilität festgelegt, bezeichnet Kostrubala die Sesshaftwerdung des Menschen als erste hausgemachte Katastrophe: „Die Agrikultur belohnte die Immobilität“ (S. 36-37). Das, was sie ermöglichte, nämlich einen Überschuss an Nahrungsmitteln, verwandelte den Traum unserer Vorfahren in einen Albtraum: „Mehr Nahrung bedeutete auch eine größere Population“ (S. 40), bedeutete – Katastrophe 2 - Urbanisierung und Automobilisierung und ließ ein anstrengungsfreies Leben lohnend erscheinen. Mit den bekannten negativen Folgen für Körper und Psyche.

Keineswegs plädiert der Autor für ein Zurück zu einer Art Paleo-Lifestyle: „Wir können nicht zurückgehen. Das würden wir auch nicht wollen“ (S. 41). Weil die Evolution nicht stoppe, sei vielmehr zu schauen, welche Vorzüge sie gebracht habe und welche der vollzogenen Anpassungen dem Menschen nicht zuträglich seien: „Die Menschen leben länger als sie es zu jeder anderen Zeit in unserer Geschichte taten [… und] auch die Bedürfnisse eines sich vergrößernden Gehirns nach Stimulation [wurden] befriedigt – durch Kunst, Handel und Kultur“ (S. 42). Demgegenüber müsse den Menschen zurückgegeben werden, was ihnen verloren gegangen sei – insbesondere Bewegung in ihrer natürlichen Form.  

Und so begann der Arzt und Läufer Kostrubala 1973 zunächst mit einigen seiner psychiatrischen Patienten zu laufen, was er als „Geburt der Lauftherapie und der Paleoanalyse“ beschreibt. Er wusste, dass viele Psychiater geschockt sein würden: „Die dominante Theorie und Praxis der [Behandlung von] Geisteskrankheiten war in den USA die von Sigmund Freud. Dessen Patienten lagen mit dem Rücken auf einer Couch, in einer wehrlosen Position. Sie wurden aufgefordert, frei zu assoziieren. Sie konnten ihn nicht sehen, weil er hinter dem Patienten saß“ (S. 43). Hinzu kam das Gebot absoluter Vertraulichkeit. Einige Praxen hatten sowohl eine Tür, um in den Warteraum zu gelangen, als auch eine andere, die vom Behandlungsraum direkt nach draußen führte. „Der Analytiker war immer gut gekleidet, mit Schlips und Jacke“ (S. 44). Alle diese Grundsätze warf Dr. Kostrubala über Bord: Er stand an jenem Morgen in San Diego mit T-shirt, Shorts und Laufschuhen vor einer Gruppe von 6 Patienten, um sie gemeinsam in Bewegung zu bringen. Sie alle waren in seiner Therapie gewesen, hatten aber keine Fortschritte gemacht. Kostrubala widerstrebte, mehr Medikamente zu verordnen, weil er zu gut um deren Langzeitwirkungen wusste. Gleichwohl fiel ihm der neue Schritt nicht leicht, war er doch beruflich anders sozialisiert worden: „Ich fühlte mich sonderbar“ (S. 43).

Kostrubala stellte das gemeinsame Laufen (je 1 Stunde) vor das gemeinsame Gespräch (je 1/2 Stunde) und hielt die Patientengruppe 2 Jahre zusammen. Bis auf einen Patienten verbesserte sich bei allen die Befindlichkeit und die psychiatrische Medikation. „So begann eine neue Form der Therapie, genannt Lauftherapie, zur Behandlung seelisch Kranker (S. 48)“. Der Autor erkannte im Laufen den Hauptwirkfaktor der Behandlung und in den erzielten Veränderungen des Verhaltens Veränderungen im Gehirn. „Als ich 1975 ‚The Joy of Running’ schrieb, hegte ich den Gedanken, dass solche tiefen Veränderungen mit unserer Entwicklung als Spezies in Beziehung stehen mussten“ (S. 52). Und so begann er, auf der Grundlage der an weiteren Patienten erfolgreich durchgeführten Lauftherapie eine Theorie zu entwickeln, die er paleoanalytische Therapie bzw. Paleoanalyse nannte.

Kostrubala sieht die Paleoanalyse auf drei Beine gestellt.

  • Zunächst versteht er sie als eine biologische Therapie. Diese basiert auf Wissen zu DNA, Epigenetik, Vererbung etc. und wurzelt in der Anthropologie, Evolution und den Effekten der Umweltveränderung. Sie schließt Kenntnisse der Medizin und verwandter Fachbereiche ein.
  • Der zweite Fokus ist für ihn ein psychologischer, gerichtet auf „den interpersonalen Aspekt“, der den Patienten auf jene Ereignisse hin befragt, die dessen Leben konkret geformt haben. „Familienumstände, Liebe, Scheidung, Stadien im Leben […], die vom Elternsein bis zum Ruhestand reichen, sind bedeutsam“ (S. 56).
  • Als dritten Aspekt führt er schließlich das Spirituelle und Religiöse an. „Unsere Spezies lebte, als sie sich entfaltete, in einer spirituellen Welt“ (S. 56). Das Leben vieler Menschen heute entbehre angesichts der starken Orientierung an Wissenschaft der Spiritualität. Wissenschaftler selbst schienen „das Wesentliche nicht zu begreifen, dass ihre eigene Arbeit größeres Unbekannte schafft“ (S. 93). Ziel sei, dem Patienten zu helfen, seinen eigenen bedeutungsvollen spirituellen Weg des Lebens zu finden. Dazu müsse der Paleoanalytiker über so viele Glaubenssysteme wie möglich Bescheid wissen.

Im Grunde lassen sich die drei Säulen der Paleoanalyse auf die drei zentralen Fragen menschlichen Lebens beziehen: Erstens, woher komme ich, zweitens, wer bin ich, drittens, wohin gehe ich? Auf gut 50 Seiten legt Kostrubala die Prinzipien und Bausteine seiner Theorie dar und gibt einzelne Beispiele aus der therapeutischen Praxis. Dabei grenzt er sich von S. Freud und C. G. Jung ab, stellt R. Descartes’ „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich“) ein „Imago ergo sum“ (Ich stelle mir vor, also bin ich) entgegen - „Unsere Existenz ist nicht durch unser eigenes Denken geschaffen worden“ (S. 91) -, interpretiert Voltaires’ „Candide“ und geht auf das christliche Konzil von Nikäa im 4. Jh. ein.

Ein Schlüsselbegriff Kostrubalas ist „Mut“. „Als Lauftherapeut und Paleoanalytiker brauchst du Mut, um deine heilende Arbeit zu vollbringen“ (S. 107). Insbesondere brauche der Patient Mut. Die Besinnung auf das Positive und Hoffnungsvolle helfe ihm, dem Belastenden, dem Destruktiven begegnen zu können. Z. B. daran zu arbeiten, Kontrolle über negative Reaktionen des Körpers (Limbisches System) zu bekommen, jenen physiologischen Antworten, die sich beim Erinnern traumatischer Ereignisse einstellen. Den eigenen emotionalen Zustand gegen Resignation und Depression zu kontrollieren, lasse sich einüben. Wichtig sei, die Angst zu kennen, aber nicht, sich von der Angst beherrschen zu lassen. „Paleoanalytiker und Patienten verwenden exakt dieselbe paleoanalytische Technik. Sie selbst sind immer optimistisch und positiv in allem, was sie tun. Das ist Teil ihrer professionellen Verantwortung“ (S. 110).

Im zweiten Abschnitt des Buches rückt der diesbezügliche persönliche Hintergrund nach vorne. Kostrubala beschreibt zunächst seine Verletzung in Gegenwart eines Lauftherapieklienten, die ein weiteres Laufen verunmöglichte, seiner Lauftherapiepraxis, die er mittlerweile nach beruflicher Veränderung in Vollzeit betrieb, ein jähes Ende bereitete und ihn in eine tiefe Depression stürzte. „Meine Identität war erschüttert. Ich war ein Lauftherapeut. Ein Lauftherapeut, der nicht länger laufen konnte“ (S. 119). Und er fragt den Leser: „Ist nicht laufen zu können so traumatisch wie der Tod eines Kindes? Nein, ist es nicht. Warum benutze ich dann diesen Vergleich, um zu erklären, wie ich mich fühlte? Einfach deshalb, weil es sich so anfühlte“ (S. 126). Es dauerte einige Jahre, bis er wieder hoffnungsvoll und positiv nach vorne schauen konnte. Geholfen hat ihm sein Mut-Training. Und er rät: „Sag immer wieder und wieder das Wort ‚Mut’, wie ein Mantra, wenn du dieser zentralen Veränderung in deinem Leben entgegensiehst“ (S. 129-130).

Was sollte ein Läufer tun, wenn er nicht mehr laufen kann? Kostrubala empfiehlt den Umstieg auf andere aerobische Aktivitäten und den Besuch eines Fitnessstudios. Bewegung ist und bleibt für ihn der Schlüssel zu einem besseren Leben!

In einem weiteren Kapitel erfährt der Leser vom „bekanntermaßen ersten religiösen Marathon“ (S. 134), den Kostrubala am Lake Mary, einem See der Mammoth Lakes in Kalifornien von 1978 bis 1984 ausrichtete, jeweils am Tag Mariä Himmelfahrt. Diejenigen, die zuerst finishten, wurden nicht mehr geehrt als die Letzten, die ins Ziel kamen. Father Kelley, ein mitlaufender Priester, hatte dazu ein Marathon-Gebet geschrieben; nach dem Vortrag desselben erfolgte der Start. 1980 nahm u. a. eine Gruppe von 50 Jungen aus einem Slum am „Mammoth Marymass Marathon“ teil; alle erreichten das Ziel.

Der zweite Abschnitt schließt mit der Schilderung eines Morgenlaufs, bei dem Kostrubala das erste Mal meinte, er könne ewig laufen. Sein Gefühl für Zeit hatte sich beim Laufen verflüchtigt.

Im dritten Abschnitt wird zunächst auf die Bedeutung des Laufens von und für Frauen eingegangen. Auf 21 Seiten beleuchtet Teresa Kostrubala deren Entwicklung in den USA seit Anfang der 1970er Jahre im Spiegel ihrer eigenen früh einsetzenden Laufgeschichte. Allein als Frau zu laufen, dabei luftig bekleidet zu sein, während der sichtbaren Schwangerschaft zu laufen, einen Marathon anzustreben – all das musste in der Öffentlichkeit erst Akzeptanz finden bzw. durchgesetzt werden. Dabei bestärkten die erlebten positiven Veränderungen, die zugleich das Interesse der Psychologin weckten. Sie beteiligte sich an zwei Forschungsprojekten, die Marathonläufer in den Blick nahmen, und untersuchte in ihrer eigenen Dissertation speziell den Persönlichkeitstyp von Marathonläuferinnen. Die Studien werden dargestellt. Erwartungsgemäß erweist sich die Autorin als Anwältin des Frauenlaufs; sie schreibt: „Als Frauen wissen wir alle, dass wir stark und befähigt sind, aber einen Marathonlauf zu beenden ist eine Lizenz geworden, überall hinzugehen, wohin wir zu gehen träumen“ (S. 168). Sie schließt mit der Schilderung, wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter den „Pike’s Peak Marathon“ in Colorado bewältigte, was zur lebensgeschichtlichen Versöhnung zwischen beiden Frauen führte.

Im nachfolgenden Kapitel erläutert der Rezensent, „warum die meisten Lauftherapeuten Deutsche sind“ (S. 171ff). Er greift die vorausgegangene Aussage von Thaddeus Kostrubala – „Ich habe den Samen hier in den Vereinigten Staaten gepflanzt, aber er ist nicht aufgegangen. Jedoch schlug die Lauftherapie tatsächlich Wurzeln in Deutschland etwa 10 Jahre nachdem ‚The Joy of Running’ publiziert war“ (S. 130) – auf und beschreibt die Entwicklung ihrer Institutionalisierung im Vergleich beider Länder.

Die letzten drei Kapitel stammen wieder aus der Feder von Thaddeus Kostrubala. Er geht auf die Themen „Bewusstsein“, „Paleoanalyse und Psi“ sowie „Alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge“ ein, gipfelnd in der Aussage: „Die gegenwärtige Vorstellung von Wissenschaftlern, die die Struktur und Natur unserer Welt untersuchen, ist ihre Annahme, dass es zwischen 6 und 13 Dimensionen gibt und wir nur in einem ‚Arrangement’ derselben leben“ (S. 199). Für ihn selbst steht außer Frage: „Am Anfang schuf Gott …“

Das Buch endet mit den Biografien zu Thaddeus und Teresa Kostrubala, einem Hinweis auf ihre Website für Paleoanalyse und Lauftherapie (www.Paleoanalysis.com) und einem Verzeichnis ihrer Publikationen. 

Fazit: „The Joy of Running 2“ knüpft an das Erstwerk „The Joy of Running“ (1976, 2013) an, geht aber weit über das hinaus, was man ein reines Lauf- oder Lauftherapiebuch nennen könnte. Es erklärt die Lauftherapie zu einem zentralen Baustein des umfassenderen Therapiekonzeptes der Paleoanalyse und den Lauftherapeuten zu einem möglichen „Vorläufer der Person, die die Paleoanalyse als einen Rahmen für die Therapie nutzt“ (S. 54). Der Paleoanalytiker selbst erscheint als eine Person, die theoretisch wie praktisch breit aufgestellt bzw. in sehr verschiedenen Fachrichtungen beheimatet ist.

„The Joy of Running 2“ ist kein Lehr-, sondern ein Lesebuch. Ihm fehlt an einzelnen Stellen die klare Gliederung und Systematik. Auch hätten zusätzliche Beispiele aus der paleoanalytischen Praxis dem besseren Verständnis gedient. Dem Rezensenten schrieb der Autor: „Ich hoffte nur zu stimulieren. Ja, ich bin [als Autor] ein Sprinter.“Man merkt beim Lesen: Thaddeus Kostrubala hat sich dieses Buch von der Seele geschrieben.

Laut Klappentext wünscht er sich Leser „mit offenen Augen und offenem Herzen, die in ihrem eigenen Leben das wahre Versprechen des Laufens vollziehen und den wahren Pfad zur Freiheit laufen.“ Ihnen werden vielfältige, zum Teil verblüffende Lebenserfahrungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Schlussfolgerungen präsentiert, die der Autor auf eine ihm eigene Weise zueinander in Beziehung setzt. Nicht alles wird für Leser in Schubladen passen und Zustimmung finden, doch geben die Ausführungen mannigfaltige Anstöße zum Weiterdenken und zum Diskurs.

Das vorgestellte Konzept der Paleoanalyse soll laut Kostrubala auch der Selbsttherapie dienen. Und so plant er, als nächstes „ein paleoanalytisches Selbsthilfebuch“ herauszugeben, denn: „Die Paleoanalyse anzuwenden hat wahrlich mein Leben gerettet! Vielleicht kann es auch dir von Nutzen sein“ (S. 124).

Wer das Gesamtwerk des „ersten Lauftherapeuten“ kennen und verstehen will, kommt an „The Joy of Running 2“ nicht vorbei.

Das Buch liegt in englischer Sprache vor und ist auch als eBook erhältlich.

  

 

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